Die Geschichte der Pickelhaube
Mit dem Aufkommen der Schusswaffen verloren die mittelalterlichen Rüstungen immer mehr ihren Sinn. Diese Entwicklung machte auch vor dem Kopfschutz nicht halt. Die ursprünglich schweren Metallhelme wurden daher mehr und mehr von hutähnlichen Kopfbedeckungen aus Stoff (z.B. sog. Zweispitz) ersetzt. Anfang des 19. Jahrhunderts war schließlich der sogenannte Tschako typisch für die europäischen Armeen geworden.Er wurde wiederum 1842 unter König Friedrich Wilhelm IV. in der Preußischen Armee durch ein neues Helm-Modell teilweise abgelöst, für das sich umgangssprachlich der Begriff Pickelhaube einbürgerte (der Name kommt übrigens nicht von der Helmspitze, sondern von einem mittelalterlichen Uniformteil, der Blechhaube). Dieser neue Helm war aus gepresstem Leder gefertigt und mit Metallbeschlägen (Spitze, Wappen, etc.) versehen. Das Anfangsmodell sah nach heutigen Vorstellungen recht eigenartig und unförmig aus, es war ungefähr doppelt so hoch als die heute allgemein bekannten Helme aus der Kaiserzeit, zusammen mit den Helmbeschlägen kam zudem ein erhebliches Gewicht zustande. Dennoch war die Einführung des neuen Modells ein Fortschritt: Es war ausreichend witterungsfest und bot Schutz vor Säbelhieben und -stichen (u.a. durch die Spitze, durch die Säbelhiebe abgelenkt wurden), ein Umstand, der nicht unterschätzt werden sollte, da die Hieb- und Stichwaffen zur damaligen Zeit noch durchaus gleichwertig neben den Schusswaffen zu Einsatz kamen. Erkennungszeichen und Kopfschmuck rundeten die Funktionen des Helms ab. Dieser neue Helm wurde nach und nach von allen deutschen Staaten (zuletzt 1886 von Bayern) und auch von einigen ausländischen Staaten übernommen. Das Ansehen und der Einfluss Preußens auf militärischem Gebiet trug dazu sicherlich einen Gutteil bei.
Der Helm wurde von allen preußischen Truppenteilen getragen mit folgenden Ausnahmen: Die Husaren hatten eine Fellmütze, die Ulanen (leichte Reiterei) eine Tschapka (ein Lederhelm mit flachem Deckel). Jäger, MG-Schützen, Train (Nachschub) und die meisten Verkehrstruppen (Luftschiffer, Flieger, usw.) trugen den Tschako, die Artillerie trug den Lederhelm mit Kugel statt mit Spitze. Bei den Kürassieren (schwere Reiterei) und Jägern zu Pferd war der Helm nicht aus Leder, sondern aus Metall (i.d.R. aus Tombak) gefertigt. Da es in Bezug auf die getragene Helmart im Laufe der Jahre auch Veränderungen und Umstellungen gab, können die obigen Angaben nur allgemeiner Art sein. Auch die Lederhelme wichen durchaus, je nachdem von welcher Einheit sie getragen wurden, voneinander ab (z.B. trug die Garde im Unterschied zur Linieninfanterie einen besonderen Gardeadler als Wappen, Pioniere hatten weiße Beschläge statt den sonst üblichen gelben, Dragoner hatten einen eckigen Augenschirm statt eines runden, usw.). Für den preußischen Infanteriehelm ergaben sich im Laufe der Zeit einige Veränderungen, die oft auch, teilweise mit zeitlicher Verzögerung, von anderen Truppenteilen und anderen deutschen Staaten übernommen wurden.
1842: Einführung des Ursprungmodells M42, dessen Höhe über die Modelle M57 und M60 auf die Hälfte vermindert wurde.
1867: Tellerbeschlag statt Kreuzblattbeschlag. Abrundung des Vorderschirms. Vorübergehende Abschaffung der Hinterschiene.
1871: Wiedereinführung der Hinterschiene. Offiziere erhalten Durchsteckrosetten (bis dato mit Schrauben befestigt, so auch weiterhin für Mannschaften).
1887: Nur für den Mannschaftshelm: Wulst statt Perlring um den Hals der Spitze. Lederriemen an Hakenhalterung statt Schuppenkette. Vorübergehende Abschaffung der Vorderschiene.
1891: Nur für den Mannschaftshelm: Lederriemen wird durch Knopf 91 befestigt. Lederriemen mit Schiebe- statt Dornschnalle. Wiedereinführung der Vorderschiene.
1895: Nur für den Mannschaftshelm: Spitzenhals mit fünf statt zwei Belüftungslöcher. Hinterschiene mit Lüftungsloch. Zur Gewichtsreduzierung Beschläge aus Aluminiumbronze (Legierung aus Kupfer und Aluminium) statt aus Messing. Helmwappen allgemein aus Tombak (Legierung aus Kupfer und Zink, ähnlich wie Messing, aber mit höherem Kupferanteil).
1897: Einführung der Reichskokarde (rechts zu tragen).
1915: Einführung des Modells M15. Graue Beschläge aus eisenähnlichem Material (Zink, Blech, etc.). Abnehmbare Spitze mit Bajonettverschluss.
So erfolgreich der Helm auch anfangs war, durch das Voranschreiten der Militärtechnik und -taktik tauchten mit der Zeit Probleme auf. Ein Nachteil wurde seine relativ große Auffälligkeit, v.a. durch die Spitze, aber auch durch die glänzenden Beschläge, insbesondere die Helmwappen. 1892 wurden Helmüberzüge zu Tarnzwecken eingeführt, die bei Übungen und natürlich im Ernstfall zu tragen waren. Teilweise waren auf ihnen die Nummern der Regimenter angebracht, erst in rot, nach Kriegsbeginn dann in grün, schließlich wurden sie ganz weggelassen. Im Krieg wurde der Helm ab 1915 an der Front ohne Spitze getragen. Das endgültige Aus des Helms zeichnete sich aber bereits bei Beginn des Weltkrieges 1914 ab: Für das vorher nie gekannte Millionenheer war er zu aufwendig in der Herstellung. Der riesige Bedarf und die angespannte Rohstofflage führte zu abenteuerlichen Konstruktionen, wobei Helme teilweise auch aus Filz und Stoff hergestellt wurden. Andere Ersatzmaterialen waren v.a. Blech und Vulkanfieber. Dies sind die sogenannten Ersatzhelme. Die Beschläge wurden (um kriegswichtiges Kupfer zu sparen) oft aus Eisen und ähnlichem hergestellt. Ein Nachteil war aber weitaus gravierender: Der Helm bot gegen die hauptsächlich eingesetzten Waffen in diesem ersten modernen Krieg praktisch keinen Schutz mehr. Eine Untersuchung ergab, dass der weitaus größte Teil der schweren Kopfverletzungen nicht durch Infanteriemunition, sondern durch kleine bis kleinste Artilleriesplitter hervorgerufen worden war. Es wurde daher ein Stahlschutzhelm entwickelt, der ab 1916 an die Truppe ausgegeben wurde. Der alte Lederhelm wurde nach und nach von der Front zurückgezogen und verschwand in den Depots. Nach 1918 wurde er aus militärischen und politischen Gründen endgültig in der Armee abgeschafft. Bei der Polizei, so z.B. in Bayern, wurde der Helm teilweise noch bis in die Dreißiger Jahre getragen.